street name
Eigentlich
kann nicht von der Geschichte gesprochen werden. In der
Literatur, die sich entweder mit Straßennamen beschäftigt
(Straßenlexika) oder über den zeithistorischen Kontext
Auskunft gibt, werden verschiedene Geschichten erzählt.
Die Geschichten rund um die Straßenbenennung selbst weisen
viele Leerstellen und Auslassungen auf. Die wohl markanteste ist
das Fehlen von Quellen, die eine Überprüfbarkeit möglich
machen. In allen ‚Straßenlexika’, deren frühester
Vorläufer auf 1885 datiert, werden keine Quellen angegeben,
wie das bei anderen Straßennamen der Fall ist (Urkunden,
polizeiliche Anordnungen etc.)Dementsprechend kann die Geschichte
im Sinne von Geschichtswissenschaften wohl eher als Legende gelten
und verliert meiner Meinung nach einiges der unterstellten
‚Autorität’In den Geschichten werden folgende ‚Fakten’
erzählt:Die Benennung erfolgte „um 1700“. Im
Zusammenhang mit einer Figur „Friedrich (Wilhelm) I.“ wurden
in der Straße angeblich Menschen untergebracht, nach denen
die Straße benannt worden sein soll. Von diesen wird nichts
über ihren sozialen Hintergrund erwähnt, stattdessen
werden sie durch das M-Wort rassifiziert. Manche Texte erläutern
das M-Wort mit dem Nachtrag ‚jene Afrikaner’.
Einige
Texte sagen, diese Menschen habe dieser FWI ‚als Geschenk’ aus
den Niederlanden erhalten. Manche fügen hinzu, die
Personen seien später im Militär beschäftigt
gewesen. Einzelne Autoren erzählen Geschichten, die
von diesen Angaben deutlich abweichen, belegen aber auch diese mit
keiner einzigen Quelle, deshalb möchten wir sie hier nicht
wiedergeben.Die kolportierten ‚Fakten’ (die zugleich keine
sind) zeigen, dass die Geschichten der Straße riesige
Leerstellen aufweisen, bei genauem Hinsehen sind jedoch einige
Hinweise enthalten: Der zeitliche Kontext muss nach dem Verhältnis
fragen, in dem Afrikaner_innen und Europäer_innen zu diesem
Zeitpunkt standen. Dazu sagt Peter Martin, dass fast alle
zu diesem Zeitpunkt an deutschen fürstlichen Höfen
ankommende Afrikaner und Afrikanerinnen Sklav_innen waren und das
meist auch nach ihrer Ankunft blieben. Dieser Sklaverei-Kontext,
der im Begriff ‚Geschenk’ zumindest sprachlich die
Verdinglichung von Menschen andeutet, wird in keiner der
verbreiteten Geschichten in Berliner Straßenlexika
deutlich gemacht.
Weiterhin
verweist der zeitliche Kontext auf brandenburger Kolonialismus,
denn zu diesem Zeitpunkt war der brandenburgische Kurfürst
Betreiber einer „Handelskolonie“ an Ghanas Westküste,
über die neben anderen Waren auch in großem Maße
Sklav_innenhandel betrieben wurde.
[Geschichte]
Als diese im Jahr 1717/1720 verkauft wurde – an die
niederländische Handelskompanie (einem der größten
europäischen Sklav_innenhandelsunternehmen) forderte der
Verkäufer, Nachfolger des Kurfürsten eine jährliche
Lieferung von afrikanischen Kindern. Letztendlich bekam er eine
einmalige ‚Lieferung’ von 12 Menschen, die mit goldenen
Halsreifen geschmückt sein sollten. Ob diese letztendlich die
Bewohner_innen der Straße waren oder andere versklavte
Afrikaner_innen, die an den fürstlichen Höfen arbeiten
mussten, ist nicht klar.Dieses Fehlen ihrer Biografien halten wir
für die wichtigste Leerstelle in der vermeintlichen
Geschichte. Während von dem preußischen Fürsten/König
und seinem Nachfolger Name und Rang erwähnt werden, werden
diejenigen, nach denen die Straße angeblich benannt worden
ist, lediglich mit einer rassifizierten Kollektivbezeichnung in
den Straßenlexika erwähnt.Hier stellt sich die Frage,
wessen Geschichte wird erzählt, dokumentiert, für
wichtig erachtet?Wieviele andere Geschichten wurden und werden
unsichtbar gemacht? Wer genau waren sie, aus welchen
Gesellschaften kamen sie? Was für Geschichten würden zum
Vorschein kommen, wenn diese Personen wieder Namen und Biografien
bekommen würden? Wie würden sie ihre Zeit in der Straße
beschreiben? Es handelt sich hier um eine Schwarze deutsche
Geschichte, die vor über dreihundert Jahren unter Zwang
begonnen hat. Wie ging sie weiter, wer sind ihre Nachkommen,
Familien? Wie sind sie mit ihrem Sklavenstatus umgegangen, welche
gesellschaftlichen Strukturen haben es ermöglicht, Menschen
in Sklaverei zu halten und wie wurden diese verändert? Wann
wurde die Sklaverei in Deutschland abgeschafft? Welche
gesellschaftlichen Gruppen haben sich dazu wie verhalten? Welche
kulturellen Bilder dieser Zeit haben in der Alltagskultur
überdauert? Gehört der so genannte ‚stumme Diener’
dazu, oder die Geschichte von den schwarzen Buben im Struwelpeter?
Welche alternativen Erinnerungen gibt es?
Fußnote 1 hier ergänzen
[2]Rischmann,
M.: Mohren, Spielleute und Musiker in
der preußischen Armee, in:
Zeitschrift für Heereskunde
(1936), 82-84 (unveränderter
Nachdruck 1978), S. 82ff.
[3]Ein
Name, der wie viele andere Bezeichnungen der Europäer_Innen
(Pfeffer-, Elfenbein- und Sklavenküste) bezeichnete, was sie
dort stahlen.
[4]Nach
dem im Land gültigen Rechtsverständnis war das Gebiet
allerdings vom Kurfürsten lediglich gepachtet, so dass es nach
dem Verkauf zu einer sieben Jahre langen Wiederbesetzung durch den
Westafrikaner „Jan Conny“ kam, Anführer einer 20.000 Mann
starken Armee, die von Ashanti und Wassaw, sowie der lokalen
Bevölkerung unterstützt wurde
http://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Conny
11.07.2006
[5]
Im so genannten Dreieckshandel bereicherten
sich Europäer_Innen durch Tauschgeschäfte an dem Handel
mit versklavten Menschen, die in Europa verkauft oder in
Tauschgeschäften mit Kolonisatoren in den Amerikas gegen
Baumwolle, Zucker und Kakao „getauscht“ wurden.
[6]Wikipedia
11.07.06
http://de.wikipedia.org/wiki/Niederl%C3%A4ndische_Westindien-Kompanie
[7]Ulrich
van der Heyden: Rote Adler an Afrikas
Küste. Die brandenburgisch-preußische Kolonie
Großfriedrichsburg in Westafrika.,
Berlin, 2001, S. 81.
[8]Rischmann,
M.: Mohren, Spielleute und Musiker in
der preußischen Armee, Zeitschrift für Heereskunde
(1936), 82-84 (unveränderter
Nachdruck 1978), S. 82ff.
[9]Welt
am Sonntag, Stadtrundgang Tropenhelm
und Pickelhaube des Berliner
Entwicklungspolitischen Ratschlags; Ulrich van der Heyden:
„Kolonialmetropole Berlin. Eine
Spurensuche“, Berlin, 2002,
S.188f.
[10]Welt
am Sonntag, 16.02.2003 http://www.wams.de/data/2003/02/16/42432.html
[11]Paulette
Reed-Anderson: Rewriting the
Footnotes, Berlin und die afrikanische Diaspora
(zweisprachig Deutsch / Englisch), Berlin, 2000, S. 9.
[12]Benennungen
der U-Bahnstation: M-Str (1991), Otto-Grotewohl-Str. (1990),
Thälmannplatz (1960, 1981), Kaiserhof (1929).
