Weisssein

„Ich möchte folgende siebenteilige Definition von Weiß-Sein vorschlagen:
1) Weiß-Sein ist eine Position struktureller Vorteile in Gesellschaften, die durch rassistische Dominanz geprägt sind;
2) Weiß-Sein ist ein „Standpunkt“, der Standort, von dem aus das Selbst, die anderen sowie nationale und globale Ordnungssysteme gesehen werden;
3) Weiß-Sein ist ein Ort, an dem sich eine Reihe von kulturellen Handlungsweisen und Identitäten herausbildet; diese sind selten gekennzeichnet und benannt, sie werden eher als national oder „normativ“ und nicht als spezifisch „rassisch“ bezeichnet;
4) Weiß-Sein ist kein absoluter Ort von Privilegien; vielmehr wird Weiß-Sein von einer Reihe von anderen Achsen relativer Begünstigung oder Benachteiligung durchschnitten;
5) Weiß-Sein ist ein Produkt der Geschichte – wie andere rassistische Zuschreibungen auch, hat Weiß-Sein keine eigentlichen, sondern nur sozial konstruierte Bedeutungen;
6) Weiß-Sein ist eine verhältnismäßige Kategorie – eine, die ihre Bedeutung vorwiegend im Zusammenhang mit und im Gegensatz zu anderen (ebenfalls sozial konstruierten) „rassischen“ Kategorien erhält;
7) daß heißt jedoch nicht, daß diese Identitäten und Positionen in ihren materiellen und diskursiven Auswirkungen keine Realität besitzen.

Ruth Frankenberg: Weiße Frauen, Feminismus und die Herausforderung des Antirassismus. In: Brigitte Fuchs, Gabriele Habinger (Hg.): Rassismen und Feminismen. Differenzen, Machtverhältnisse und Solidarität zwischen Frauen. Wien 1996. S. 56.