Deutscher Kolonialismus
Kolonialismus und die Deutschen[1]
Die deutsche Gegenwart lässt sich nicht jenseits des europäischen und spezifisch deutschen Kolonialismus verstehen. Deutsche Geschäftsleute, (Provinz-)Herrscher, Bürger_innen, Arbeiter_innen und andere Personen und Institutionen betrieben aktiven Kolonialismus; insbesondere in Berlin wurde vieles verhandelt, geplant, ausgeheckt und die Haushalte mit Waren des kolonialen Handels (so genannte Kolonialwaren) ausgestattet. 1884 wurde Berlin zum zentralen Ort der europäischen Machtanmaßung gegenüber Afrika, als im Reichskanzlerpalais die „West- Afrika- Konferenz“ stattfand[2]. Die Vertreter der europäischen Nationalstaaten – Frankreich, Belgien, Spanien, Portugal, England, Niederlande und Deutschland – waren der Einladung von Reichskanzler Bismarck „zum Würfeln um Afrika“ gefolgt[3]. Völlig willkürlich und ohne Respekt vor bestehenden sozialen und politischen Strukturen, legten die europäischen Vertreter in Berlin Landesgrenzen durch den gesamten afrikanischen Kontinent fest.
Mindestens seit dem 15. Jahrhundert waren Deutsche als selbsternannte „Entdecker_Innen“, Händler_Innen, Missionierende und Reisende nicht nur auf dem afrikanischen Kontinent aktiv. Die Reiseberichte und „wissenschaftlichen“ Abahndlungen, die diese veröffentlichten, produzierten populäre (rassistische) Phantasien von „den Anderen“ und „Wissen“, das eine Grundlage für spätere koloniale Machtergreifung bildete.
Die erste koloniale „Besitzung“ eigneten sich die Deutschen im 17. Jahrhundert an. Der “Große Kurfürst” (1620-1688) ließ an der westafrikanischen Küste, im heutigen Ghana, eine nach ihm benannte Festung bauen: Großfriedrichsburg. Brandenburg-Preußen beteiligte sich mithilfe dieses Stützpunkts am Transatlantischen Dreieckshandel, dessen wichtigstes Objekt Sklav_innen waren. Über ebensolche kolonialen Stützpunkte rund um den Atlantik wurde Menschenhandel betrieben, wie die Inseln Arguin, heute Mauretanien vorgelagert, und St. Thomas in der Karibik, die die Deutschen damals als ihr koloniales Eigentum betrachteten. Rund 30.000[4] Menschen wurden direkt oder indirekt durch brandenburg-preußische Händler, Schiffsbesatzungen und Bürokraten verladen, verschleppt und mit Gewalt zum Arbeiten gezwungen. Der Kurfürst baute diese Sklav_innenhandelsgesellschaft mithilfe von Schiffen und Kapital auf und besaß die Aufsicht über die „Brandenburgisch-afrikanischen Compagnie“, die als erste deutsche Aktiengesellschaft gilt. Kurfürst und andere deutsche Investoren profitierten in den ca. 30 Jahren ihres Bestehens vor allem vom Sklav_innenhandel.
Weitere Kolonien eignete sich das mittlerweile kaiserliche Deutschland durch die „West- Afrika- Konferenz“ an: 1884 Namibia, von den Deutschen “Süd-West-Afrika” genannt, Togo und Kamerun; im Jahr 1885 Teile der heutigen Länder Tansania, Ruanda, Burundi und Kenia, von den Deutschen als „Ost- Afrika“ bezeichnet, sowie weitere Inselstaaten im Pazifik wie Samoa, Teile des heutigen Papua-Neuguinea und die Solomon Inseln. Zudem besetzten die Deutschen die Kiautschou Bucht in China gegen Ende des Jahres 1897 und betrachteten die Bucht als auch das umliegende Land, Shantung, als ihr Eigentum. Dieses Land nutzten sie als Experimentiergrund für ihre koloniale „Entwicklungspolitik“.
Berlin war bis 1918/1919 die Hauptstadt des deutschen Kolonialbetriebs. Für diesen bedeutsame Institutionen wurden in Berlin gegründet und hatten hier ihren Sitz. So zum Beispiel die “Deutsche Kolonialgesellschaft”, “Kolonialabteilung im Auswärtigen Amt”, die „Kolonialbank“ und „Kolonialbörse“ etc.[5] Nach dem 1. Weltkrieg wurde im Versailler Vertrag geregelt, dass Deutschland die kolonialen Machtansprüche an andere Staaten Europas abgeben musste, was in den folgenden Jahren von einer populären und politisch einflussreichen Bewegung von Kolonialrevisionist_innen zum Anlass genommen wurde, mit allen Mitteln für eine erneute Kolonisierung einzutreten.
Eckert und Wirtz stellen fest, dass das koloniale Projekt ganz Europa geprägt hat und „Deutschland mit und ohne seine Kolonien eng mit diesem Projekt verbunden war und dass die Auswirkungen der kolonialen Erfahrung weit über 1918 hinaus Kultur und Gesellschaft beeinflussten.“[6]
In der Zwischenkriegszeit spielte der Wunsch, Kolonisationsmacht zu sein in den politischen Debatten immer wieder eine kontrovers diskutierte Rolle. Kum’a Ndumbe III weist nach, wie die deutsche NS-Regierung ab Ende der dreißiger Jahre intensive Planungen und Vorbereitungen für ein künftiges deutsches Kolonialreich betrieb.[7]
Weiße deutsche Geschichte_n verschweigen meist den kolonialen Alltag der Deutschen. Romantisierte Mythen kolonialen Lebens, wie zum Beispiel in Filmen wie „Jenseits von Afrika”, setzen die Perspektive weißer Faszination fort, ebenso wie Deutsche sich noch immer einen „Platz an der Sonne“ wünschen. Dieser kolonialpropagandistische Slogan drückt unumwunden den kolonialen Machtanspruch aus. Solange eine Auseinandersetzung mit den Effekten des Kolonialismus und Sklav_innenhandels auf weiße deutsche Selbstbilder ängstlich vermieden wird, wirken rassistische koloniale Konzepte weiter.
Gegen die rassistischen Konzepte und die koloniale Herrschaft gab es auch zur Zeit des deutschen Kolonialengagements sowohl in den kolonialisierten Gesellschaften, als auch in den kolonisierenden Widerstand. In London traf sich 1911 beispielsweise der erste „Universal Races Congress“. Mit Hilfe von unterschiedlichen Formen des Widerstandes wie bewaffneter Kampf, der Petitionsbewegung und der intellektuellen Pan-African-Bewegung[8] wehrten sich Kolonialisierte und Nachkommen von Sklav_innen auch in den kolonialen Metropolen gegen Rassismus und Kolonialismus. [Widerstand]
[1] Dieser Text will kein vollständiges Bild des Kolonialismus der Deutschen geben. In der hegemonialen Geschichtsschreibung wird das koloniale Engagement der Deutschen oft heruntergespielt. Wir gehen davon aus, dass vor allem durch das Fehlen der Perspektiven der Kolonisierten und Versklavten in den Geschichten riesige Leerstellen bestehen und es eine vollständige Darstellung der kolonialen Ereignisse nicht geben kann.
[2] In der heutigen Wilhelmstraße in Mitte, seit 2004 befindet sich dort auf Initiative des Afrika-Forum e.V. eine Erinnerungstafel
[3] Joshua Kwesi Aikins Die alltägliche Gegenwart der kolonialen Vergangenheit
http://www.bpb.de/themen/SFVMQD,0,0,Die_allt%E4gliche_Gegenwart_der_kolo...
[4] Exakte Angaben über die versklavten Menschen können bis heute nicht gemacht werden, weil die einzelnen Biografien durch den Sklav_innenhandel ausgelöscht wurden. Die angegebene Zahl von 30.000 Menschen ist daraus abgeleitet, dass angeblich pro Jahr etwa 1.200 Menschen auf Schiffe geladen worden sein sollen. Ungefähr die Hälfte der versklavten Menschen überlebten die grausamen Bedingungen auf den brandenburgisch-preußischen Schiffen während der Überfahrt nicht.
[5] Alexander Honold: Afrikanisches Viertel. Straßennamen als kolonialer Gedächtnisraum, in: Birthe Kundrus (Hrsg.): Phantasiereiche. Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus, Frankfurt/Main, 2003, S.312.
[6] Eckert, Andreas, Albert Wirz: "Wir nicht, die anderen auch. Deutschland und der Kolonialismus", in: Sebastian Conrad (Hg.), Jenseits des Eurozentrismus, Frankfurt/Main / New York: Campus 2002, S. 374
[7] Kum'a Ndumbe III, Alexandre: Hitler voulait l'Afrique. Les plans secrets pour une Afrique fasciste (1933-1945), Paris: Harmattan 1980
[8] Paulette Reed- Anderson “Ein Platz an der Afrikanischen Sonne” Deutsche Hegemonie auf dem Afrikanischen Kontinent http://www.bpb.de/themen/P8GJBO,0,Chronologie_zur_deutschen_Kolonialgesc...
